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Kategorie: zusatzmaterial
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Gespräch beim Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Köln, am 09.02.2023 mit Leitungskräften einzelner Fachgebiete und Klaus Jünschke
Christiane Niesel,
Heike Stoppenbach Leitung Wohnungslosenhilfe,
Karolin Balzar Leitung Wohnangebote, Hilfen bei besonderen Lebenslagen,
René Pieper, Leitung Gewaltschutzzentrum und Prostituiertenhilfe,
Jutta Arens, Leitung Straffälligenhilfe, Gesetzliche Betreuungen, Vormundschaften,
Klaus JünschkeThemen, die angesprochen wurden:
• Die Kölner Hilfelandschaft
• Drogengebrauch
• Obdachlose Frauen
• Wohnungsmangel und Leerstand
• Wiedereingliederung
Christiane Niesel:
Im Zentrum dieses Treffens stehen Frauen, die obdachlos sind und Hafterfahrung haben. Dazu habe ich schon zahlreiche Gespräche auf der Straße geführt. Viele dieser Frauen haben außerdem ein Drogenproblem. Straffällig, obdachlos und abhängig – das bedeutet, sie befinden sich am Rand der Gesellschaft. Der SkF hier in Köln hat ein breites Hilfsangebot für Menschen – speziell Frauen – in prekären Lebenslagen. Mir geht es auch darum, mit Ihrer Hilfe herauszufinden, welche Wege es für „unsere“ Frauen gibt, die auf der Straße leben und nach einer Haftstrafe auch wieder auf die Straße zurückkommen.
Mich interessiert, wie Sie grundsätzlich über Themen wie Wohnungsnot und die Kriminalisierung von Wohnungslosen denken. Es besteht ja das Dilemma, dass Menschen im Hilfebezug im Grunde keine Chance haben, auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung zu bekommen, denn das lassen die aktuellen Mieten gar nicht zu. Das Jobcenter zahlt maximal 10 Euro pro Quadratmeter und die marktüblichen Angebote fangen erst bei 14 Euro an. Welche Überlegungen oder Ansätze gibt es bei Ihnen persönlich oder bei Ihnen als Freiem Träger, der soziale Dienste anbietet, wie man dieses Dilemma lösen könnte?
Aber fangen wir mit der konkreten Hilfe an, damit man sich ein Bild der Kölner Hilfelandschaft machen kann. Winterhilfe, Notschlafstellen, Beratungseinrichtungen – das Angebot von SKM und SkF, das Sie repräsentieren ist umfangreich. Vielleicht könnten Sie sich zunächst kurz mit ihren Funktionen und Tätigkeitsfeldern vorstellen.Heike Stoppenbach, Leitung Wohnungslosenhilfe
Mein Arbeitsgebiet ist zur Zeit aufgeteilt. Es umfasst die Wohnungslosenhilfe und da leite ich die Notschlafstelle Comeback, zwei Kontakt- und Beratungsstellen für wohnungslose Frauen und Menschen, die sich als Frau definieren, ein Beratungsangebot in der Vorgebirgsstraße, das sich an EU- AusländerInnen – vor allem die Frauen richtet – und dann haben wir noch ein Angebot in der Winterhilfe in der Ostmerheimer Straße. Vertretungsweise bin ich zur Zeit zudem verantwortlich für einen Teil unserer Hilfen zur Arbeit. Dazu gehört „casa blanca“ mit einer Näherei und einer Wäscherei, ein Beschäftigungsangebot für langzeitarbeitslose Frauen, die wegen ihrer vielfältigen Belastungen Schwierigkeiten haben, in den Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden. Campus ist ein weiteres niedrigschwelliges Angebot, finanziert vom Jobcenter, das sich an Menschen mit gesundheitlichen und sozialen Problemen wendet und zuletzt bin ich zuständig für die SchuldnerInnenberatung hier im Haus.Karolin Balzar, Leitung Wohnangebote, Hilfen bei besonderen Lebenslagen
Ich leite weitere Bereiche in der Wohnungslosenhilfe. Dazu gehören ambulante und auf-suchende Angebote aber auch Wohnangebote, die Frauen kurz- und bei Bedarf auch langfristig nutzen können. Ganz wichtig ist „Haus Zwischen.Zeit“, eine ordnungsbehördli-che Unterkunft mit 24 Appartements für obdachlose Frauen und sich weiblich definieren-de Personen, die wir vor ein paar Jahren neu gebaut haben. Dann gibt es weitere Wohnangebote, die obdachlose Frauen vorübergehend oder dauerhaft nutzen können. Wir engagieren uns auch im Bereich Housing First.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden bei mir die Hilfen für psychisch auffällige und psy-chisch kranke Frauen. Respekt arbeitet aufsuchend da, wo die Frauen leben, am Bahn-hof, am Neumarkt und an anderen Orten. „Haus Erna“ ist eine sehr niedrigschwellige Einrichtung für Grenzgängerinnen, also Frauen, die nicht mehr im Hilfesystem ankom-men, weil sie es nicht schaffen, grundlegende Regeln einzuhalten. Sen[i]ora hat einen aufsuchenden und begleitenden Teil und ein ergänzendes Wohnangebot für obdachlo-se Seniorinnen und vorgealterte Frauen, die hier bis zum Ende des Lebens oder bis zum Erreichen der Schwerstpflegebedürftigkeit bleiben können. .René Pieper, Leitung Gewaltschutzzentrum und Prostituiertenhilfe
Ich leite die Prostituiertenhilfe und bin für das Gewaltschutzzentrum zuständig. Das Gewaltschutzzentrum umfasst die linksrheinische Interventionsstelle für Betroffene von häuslicher Gewalt, die Beratungsstelle für Menschen, die von Stalking betroffen sind, die Kinderinterventionsstelle und Strickleiter I als Angebot zur Begleitung gewaltbetroffener Menschen bei der Rückkehr auf den Arbeitsmarkt.
Der SkF e.V. Köln engagiert sich seit seiner Gründung vor mehr als 120 Jahren in der Prostituiertenhilfe. Das bundesweit bekannteste Angebot ist sicherlich der betreute Straßenstrich an der Geestemünder Straße auf dem Prostituierte sicher arbeiten können. Dieses Angebot, das wir gemeinsam mit dem Gesundheitsamt, dem Ordnungsamt und der Polizei seit 2001 unterhalten, ist inzwischen in Deutschland und Europa bereits mehrfach kopiert worden. Zur Prostituiertenhilfe gehört auch das aufsuchende Angebot von Rahab. Die KollegInnen sind regelmäßig auf den verschiedenen Straßenstrichen z.B. am Eigelstein oder im Kölner Süden unterwegs, gehen in Clubs und Bordelle und bieten eine offene Sprechstunde. Rahab+ begleitet umstiegswillige SexarbeiterIinnen bei der beruflichen Neuorientierung und Tea & Talk ist reines Empowerment, hier treffen sich SexarbeiterInnen und tauschen sich über Arbeit und Leben aus und stärken sich gegenseitig.
Außerdem leite ich Viadukt und Miet-fest mit. Miet-fest unterstützt in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln bei Mietschulden Viadukt, das ist eine Kooperation mit dem SKM und der Diakonie zur Wohnraumvermittlung für Wohnungslose. Hier arbeiten Immobilienkaufleute und SozialarbeiterInnen zusammen, akquirieren Wohnungen, helfen bei Bewerbungen und Besichtigungen, bei der Organisation des Umzugs und beim Ankommen im neuen Umfeld. Sie helfen bei der Wohnungssuche und unterstützen sowohl Mieterinnen als auch VermieterInnen, um spannungsfreies Wohnverhältnis zu gewährleisten.Jutta Arens, Leitung Straffälligenhilfe, Gesetzliche Betreuungen, Vormundschaften
Ich leite mit der Straffälligenhilfe das zweite Angebot, das von unserer Gründerin aufgebaut wurde und zum Markenkern des SkF Köln gehört. Hier ist, wie Sie oben schon angesprochen haben, die Klärung der weiteren Wohnsituation nach der Haftentlassung ein wichtiger Baustein der Arbeit und wir setzen alles daran, dass eben keine Frau auf die Straße entlassen wird.
Zu meinem Verantwortungsbereich gehören zudem der Betreuungs- und der Vormundschaftsverein des SkF. Hier übernehmen wir die gesetzliche Betreuung von volljährigen Menschen, die ihre Amtsgeschäfte und Angelegenheiten nicht selbst erledigen können.
Im Rahmen der Vormundschaftsarbeit vertreten wir die Rechte von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern nicht in der Lage sind, Teile oder die gesamte elterliche Sorge auszuüben.
Die Kölner Hilfelandschaft
Christiane Niesel: In welchen Stadtteilen sind Ihre Einrichtungen verortet?.
Heike Stoppenbach: Die Notschlafstelle Comeback, sowie das Café Auszeit mit der Kontakt- und Beratungsstelle für wohnungslose Frauen sind hier im Haus am Mauritiussteinweg untergebracht. Ein zweites Café Auszeit befindet sich in Meschenich, am Kölnberg. Clearing Angebote findet man in der Ostmerheimer Straße und in der Vorgebirgstraße.
Christiane Niesel: Die Ostmerheimer Straße wird oft in den Interviews erwähnt, die ich auf der Straße führe. Diese Winterhilfe-Einrichtung wird anscheinend gut angenommen. Ich habe mit vielen geredet, die dort übernachten.
Heike Stoppenbach: Genau, das ist ja unser aktuelles Angebot. Das heißt, immer in den Monaten November bis April bieten wir in Merheim mit dem SKM die Winterhilfe an, damit niemand bei Kälte auf der Straße schlafen muss. Es wird aber diskutiert, diese Unterbringungsmöglichkeit in ein ganzjährige Angebot zu überführen..
Christiane Niesel: Ich habe gestern noch von einem Obdachlosen gehört, dass er in der Ostmerheimer Straße um 7 Uhr früh rausgeschmissen wird. Außerdem habe ich gehört, dass die Türen ausgehangen sind und dass nachts das Licht an bleibt. Können Sie das bestätigen?
Heike Stoppenbach: Ja, die Winterhilfe ist sicherlich nicht so komfortabel wie unsere Notschlafstelle, das Comeback mit richtigen Betten in Ein- und Zweibettzimmern. Aber die Menschen können sich den ganzen Tag im Haus aufhalten, werden also nicht „rausgeschmissen“. Es ist nicht so, dass das Haus schließt und sie in die Kälte müssen. Auch im Comeback müssen die BesucherInnen am Morgen für eine Stunde aus dem Haus, weil irgendwann auch mal sauber gemacht werden muss.
Klaus Jünschke: Früher war es wohl mal so, dass man um 7 Uhr gehen musste. Aber die Winterhilfe jetzt ist anders. Sie hat 7 Tage, 24 Stunden geöffnet. Die Türen sind auch im Johannishaus, in der Vorgebirgsstraße und nicht nur in der Ostmerheimer Straße ausgehängt. Das dient der Gewaltprävention. Denn so hört man, wenn es im Zimmer laut wird. Es sind ja immer mehrere in einem Raum untergebracht. Das soll einfach vor Randale und Gewalt schützen.Heike Stoppenbach: Wir haben während der Pandemie, als man hier in Köln viele neue Unterkünfte eröffnet hat, um obdachlose Menschen durch die Zeit zu bringen, selbst eine Winterhilfe für Frauen in einer großen Wohnung in Köln-Mülheim angeboten. Damals gab es für uns auch die Vorgabe, dass die Türen raus müssen, weil das in den Winterhilfeeinrichtungen so üblich ist. Wir haben uns aber entschieden, wir probieren es erst einmal mit Türen – und das hat für unsere Frauen auch funktioniert, weil in der Regel höchstens 12 bis 14 Frauen dort untergebracht waren. Man muss eben immer ganz genau gucken, was funktioniert und was nicht funktioniert.
Drogengebrauch
Christiane Niesel: Ich begleite schon länger eine Person, die nenne ich in dem Buch Louisa. Sie ist drogenabhängig, hat ihren Lebensmittelpunkt in Kalk und lebt dort seit drei Jahren auf der Straße. Wie könnte man sie auffangen? Man müsste sie erst mal entgiften, das ist klar. Aber dann lebt sie immer noch auf der Straße. Das ist für mich eine Frage so wie „was war zuerst da – das Ei oder das Huhn“? Beziehungsweise hier: die Obdachlosigkeit oder die Droge? Hätten Sie einen Rat für diesen konkreten Fall? Was mache ich mit ihr?
Heike Stoppenbach: Schläft Louisa wirklich auf der Straße?
Christiane Niesel: Ja, ich habe sie gerade vorhin noch gesehen. Louisa ist noch keine 40, aber es ist ein Zusehen beim Sterben. Allein einen Entgiftungsplatz zu finden ist schwer und es ist auch sehr viel Aufwand. Sie muss viel telefonieren und immer wieder
in Merheim anrufen und bestätigen: „Ja, ich will den Platz in der Entgiftung immer noch haben“. Welche kurzfristige Hilfe, welche niedrigschwellige Hilfe käme für diese Frau in Frage?Heike Stoppenbach: Es gibt verschiedene Notschlafstellen, Louisa könnte ja einfach in eine Notschlafstelle kommen. Sie müsste nicht im Freien schlafen. Allerdings hat sie dann das Problem, dass sie vermutlich nicht die ganze Nacht durchhält, denn in der Notschlafstelle darf man keine Drogen konsumieren. Sie können sich gleich gerne mal unsere Notschlafstelle Comeback angucken.
Christiane Niesel: Die muss wirklich toll sein! Ich habe eine Interviewpartnerin gehabt, die sagte, es sei hier sehr geradezu luxuriös.
Heike Stoppenbach: Es gibt beim SKM (Sozialdienst katholischer Männer) auch eine Notschlafstelle speziell für drogenabhängige Männer und Frauen.
Christiane Niesel: Das ist die am Bahnhofsvorplatz? Da kann man auch schlafen ja, aber es ist kein Vergleich zu dieser hier.
Karolin Balzar: Es geht aber auch nicht nur um den Schlafplatz, sondern um das ganze Angebot der jeweiligen Einrichtung. Man muss gucken, was möchte und was braucht die Person und andererseits, wo gibt es das entsprechende Fachpersonal mit dem notwendigen Wissen. Für Abhängige sind natürlich die Notschlafstellen, die auf drogengebrauchende Menschen spezialisiert sind, am besten, das muss man einfach so sagen. Die haben ein ganz anderes Netzwerk, auf das sie zurückgreifen können.
Klaus Jünschke: Frau Stoppenbach, Sie hatten vorhin eine SKM-Einrichtung für Frauen erwähnt.
Heike Stoppenbach: Ja, beim SKM am Bahnhofsvorplatz gibt es eine Notschlafstelle auch für Frauen. Für drogengebrauchende Menschen sind der SKM, die Drogenhilfe oder Vision in Kalk die besseren Anlaufstellen. Die verschiedenen Träger haben ein sehr gutes Netzwerk und können mehr für Abhängige tun. Grundsätzlich arbeiten wir alle zusammen und tauschen uns, soweit das die Persönlichkeitsrechte und der Datenschutz zulassen, über verschiedene Menschen, die bei uns oder anderen Einrichtungen ankommen, aus. Das kooperieren die KollegInnen vom Aufsuchenden Suchtclearing mit den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ob das nun Kontakt- und Beratungs- oder Notschlafstellen sind. Ziel ist es, die Menschen für Hilfe und Therapie zu erreichen und wo das nicht geht, zumindest Schäden durch Gewalt und das Leben auf der Straße mit der Sucht zu begrenzen.
Christiane Niesel: Ich habe mit etwa 30 Obdachlosen persönlichen Kontakt und ich kenne auch viele Junkie-Frauen, die obdachlos sind. Ich kriege mit, wie die dealen, ihren Alltag bestreiten, schlafen – alles auf der Straße. Was mich wundert ist, wie wenig die Notschlafstellen angenommen werden. Also ich würde mich auf keinen Fall tagsüber und schon gar nicht nachts einfach auf die Straße legen.
Jutta Arens: Das ist auch gefährlich.
Christiane Niesel: Das stimmt. Da muss in einem Menschen viel passiert sein, dass man sich mit seinem Rucksack bzw. dem Schlafsack dahinlegt und womöglich seine Sachen den ganzen Tag über da einfach stehen lässt.
Ich kann Ihnen ein Foto zeigen, das habe ich vorgestern gemacht. Da sieht man im Schaufenster eines Reisebüros, wo man überall hinreisen kann. Und links davor liegt dann das Päckchen von Louisa. Und es liegt den ganzen Tag da.Jutta Arens: Ich möchte noch einmal auf das „luxuriös“ zurückkommen, denn das klingt irgendwie seltsam. Wichtig finde ich, dass Menschen, die in Not sind, die arm sind, die psychisch krank oder drogenabhängig sind, eine schöne und ansprechende Unterkunft verdient haben. Dass es nicht immer möglich ist, sie so unterzubringen, ist zutiefst traurig. Und ich bin froh, dass wir so eine Notschlafstelle haben.
Heike Stoppenbach: Luxuriös stimmt auch gar nicht. Aber wir haben bei uns die Haltung, dass unsere Einrichtungen ansprechend sein und den BesucherInnen Wertschätzung vermitteln sollen. Das gilt für Einrichtungen wie Haus Zwischen.Zeit, das Respekt-Wohnen oder Haus Erna ebenso. Wichtig ist sicherlich auch, dass wir die Frauen mit ihren Tieren aufnehmen.
Jutta Arens: Das ist das Gleiche in einigen Therapieeinrichtungen. Da wird oft gesagt: „Oh, ihr seid ja so toll eingerichtet“. Ja, wenn jemand weg möchte von der Sucht, muss er ein gutes Umfeld haben. Das sendet die Botschaft: Du bist es wert und deshalb gehen wir hier wertschätzend miteinander um.
Christiane Niesel: Könnte auch Louisa hier übernachten? Wie ist der Weg, um hier ein Bett zu bekommen?
Heike Stoppenbach: Dazu muss sie einfach abends herkommen, muss klingeln, muss gucken, ob ein Bett frei ist. Sie sollte hier nach Möglichkeit kein Hausverbot haben. Das sprechen wir aus, wenn sich einzelne Frauen hier schon mal wie die Axt im Wald benommen haben.
Christiane Niesel: Kann man vorher anrufen und fragen, ob ein Platz frei ist?
Heike Stoppenbach: Ja, man kann um 20 Uhr anrufen und nachfragen und man kann um 20.00 Uhr hier zum Haus kommen. Es gibt immer eine Schlange von Frauen, die warten. Manchmal ist es aber möglich, dass wir für eine Stunde ein Bett reservieren.
Christiane Niesel: Langfristiges Ziel ist natürlich nicht nur ein Schlafplatz, sondern eine dauerhafte Unterkunft für Louisa zu finden. Die nächsten Schritte für sie wären, dass sie erstens entgiftet und dann zweitens eine Wohnung bekommt. In Köln bedeutet Unterkunft ja meist, Unterbringung in einem Hotelzimmer. Ich halte nicht viel davon, weil Hotelunterbringung ein wahnsinniges Geld kostet.
Klaus Jünschke: Hat Louisa denn gesagt, dass sie eine Therapie möchte?
Christiane Niesel: Zunächst geht es um die Entgiftung.
Heike Stoppenbach: Wäre das die erste Entgiftung?
Christiane Niesel: Nein.
Heike Stoppenbach: Das ist leider oft ein ewiger Kreislauf. Es ist für viele Menschen schwer, auf Dauer standhaft zu bleiben. Auch in unserer Notschlafstelle gibt es Probleme mit drogenabhängigen Frauen, weil die so einen hohen Suchtdruck haben, dass sie dann einfach das Haus verlassen. Sie schaffen es nicht, sich an die Regeln zu halten, werden aggressiv gegenüber den anderen Frauen und den Mitarbeiterinnen, weil sie Stress und Entzugserscheinungen haben. Das ist nicht so einfach für die Abhängigen sich da einzufügen.
In der Ostmerheimer Straße und in der Vorgebirgsstraße kann man ja sogar Drogen konsumieren, also keine illegalen, aber Alkohol ist akzeptiert und kein Ausschlussgrund. Es sind unterschiedliche Gründe, die zusammenwirken, warum man sich entweder für oder auch gegen eine Notschlafstelle entscheidet. Einige bleiben auf der Straße, weil sie feste Plätze haben, wo sie immer sitzen und betteln. Die wollen sie nicht aufgeben, auch nicht über Nacht, weil sie dann am Morgen vielleicht von anderen besetzt sind. Andere halten die Nähe von anderen Menschen nicht aus oder schrecken davor zurück, dass man Erwartungen an sie stellen könnte.Jutta Arens: Ich bin ja die Leiterin unseres Betreuungsvereins. Wir haben auch eine Reihe wohnungslose Frauen unter rechtlicher Betreuung, das heißt, wir regeln deren Angelegenheiten für sie. Diesen Frauen ein Angebot zu machen, ist oft nicht leicht, weil sie bestimmte Regeln wegen ihrer Sucht nicht einhalten können oder wollen. Hier bei uns bekommt jede Frau ein Schließfach, damit sie ihre Sachen sicher unterbringen können. Einige wollen aber zum Beispiel ihre Sachen nicht einschließen, weil sie sagen „Ich will meine Sachen bei mir haben, ich will eventuell an die Drogen oder ich habe Angst, dass mir ´was geklaut wird“.
Es gibt natürlich in allen Einrichtungen Regeln und sich daran zu halten, ist manchmal nicht so einfach für die Menschen, die süchtig sind oder eine andere psychische Erkrankung haben. Da erscheint einigen das Leben auf der Straße einfacher. Deshalb ist es auch nicht so einfach, Betroffene zu motivieren, sich auf ein Angebot einzulassen. Diese drogenabhängige Frau, Louisa, die sie betreuen, sagt: „ich will entgiften und ich will eine eigene Wohnung“. Das glaube ich ihr auch. Ich glaube wirklich, dass die Motivation da ist. Aber wenn dann die Entgiftung wirklich stattfindet, dann heißt es durchhalten. Schafft sie das auch? Hält sie den Entzug durch? Denn das ist ja die Kunst. Der Wunsch ist da, aufzuhören und auch der Wunsch nach einer eigenen Wohnung. Aber um dahin zukommen braucht es einen langen Atem. Da braucht sie Ihre Unterstützung.René Pieper: Tatsächlich gibt es manchmal eine Diskrepanz zwischen dem, was der Mensch will und auf der anderen Seite dem, was das Hilfesystem von den Menschen will. Das muss nicht immer übereinkommen und macht es manchmal schwierig. Das ist unbefriedigend – auch für uns im Hilfesystem. Aber man muss es natürlich hinnehmen, wenn der Mensch sagt, er will nicht, dann will der Mensch nicht – egal, was wir wollen.
Obdachlose Frauen
Klaus Jünschke: Was mich interessiert – mit Blick auf die Lebensgeschichten der Frauen, mit denen Sie zu tun haben – können Sie sagen, warum diese Frauen obdachlos geworden sind?
Heike Stoppenbach: Die Lebensgeschichten sind ganz vielfältig, ganz verschieden. Wir haben hier Menschen, da haben bereits die Eltern oder Großeltern in sogenannten prekären Verhältnissen gelebt. Da ist der Weg für einige fast schon vorgegeben. Es gibt aber auch die Akademikerinnen, die psychisch krank werden und ihre Wohnung verlieren oder die Menschen, die ihren Job und damit den Halt und zuletzt auch die Wohnung verlieren oder die, die sich in Köln einfach keine Wohnung mehr leisten können. Immer wieder kommen auch Menschen, die wegen Schwarzfahren inhaftiert wurden und durch die Haft ihre Wohnung verloren haben. Sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen könnte man bei Menschen, die sowieso arm sind, sofort abschaffen.
Karolin Balzar: Man könnte auch fragen, was war zuerst da? Die psychische Erkrankung oder die Obdachlosigkeit bzw. die Wohnungslosigkeit? Wir haben so viele Frauen, die einsam in ihren Wohnungen sind, deren Not aber erst auffällt, wenn die Mietzahlungen ausbleiben.
Und wenn wir dann hingehen und die Messie-Wohnung sehen, verstehen wir, warum die Frau nicht mehr rausgeht oder obdachlos wird. Dieses „nicht mehr Klarkommen in der Gesellschaft“, das letztlich zur Obdachlosigkeit führt, das erleben wir sehr oft und auch wirklich schichtübergreifend. Es kommt auch häufiger vor, dass eine Frau ihre Eltern in deren Wohnung pflegt. Sie lebt dort in der großen Wohnung bis zum Tod beider Elternteile und dann muss sie raus, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen kann. Es gibt wirklich so viele Einzelschicksale. Man kann sicherlich einige Überschriften finden, aber insgesamt ist es ein sehr breites Spektrum.Jutta Arens: Es sind auf jeden Fall Frauen, die kein Netzwerk haben, also kein familiäres oder freundschaftliches Netzwerk, das sie vielleicht noch auffangen könnte.
Heike Stoppenbach: ….oder auch Frauen, die keine Hilfe von anderen annehmen wollen, weil sie zu stolz sind. Kann ja auch sein, dass dieses Netzwerk nicht so positiv besetzt ist. Es gibt auch Studentinnen – wir hatten gerade zwei – die wohnungslos geworden sind. Eine hatte ein ganz schwieriges familiäres Umfeld. Wenn diese jungen Frauen aus der Notschlafstelle für Jugendliche herauswachsen, folgt mitunter erstmal die Wohnungslosigkeit.
Karolin Balzar: Unter den Obdachlosen sind aber auch viele ältere Frauen. Das hat mit dem demographischen Wandel zu tun. Und es gibt zunehmend Frauen, die in Autos leben. Einige, die in den Autos vermüllen, also die quasi ihre ganze Lebenswelt in das Auto reinpacken…
Jutta Arens: …und zum Beispiel aufgrund ihrer geringen Renten wohnungslos geworden sind. Also Fälle von Altersarmut.
Heike Stoppenbach: Einige dieser Frauen gehen aus Scham nicht zum Amt und nehmen kein Geld vom Staat an. Wir haben aber auch vermögende wohnungslose Frauen mit hohen Renten. Die sind dement und akzeptieren keine Hilfe. Stattdessen irren die einfach draußen herum und tauchen dann in den Notschlafstellen auf. Auch das kommt vor.
Wohnungsmangel und Leerstand
Christiane Niesel: Ich hatte anfangs schon die Leute angesprochen, die keine Arbeit haben und Bezüge vom Jobcenter bekommen. Das Jobcenter zahlt 10 € pro Quadratmeter an Mietkosten, aber der Wohnungsmarkt gibt das nicht her. Der Mietspiegel in Köln liegt aktuell bei 13 bis 14 Euro. Was sagen die Sozialverbände zu diesem Dilemma, das Wohnen für viele Menschen fast unbezahlbar ist. Jemand, der sich in einer Notlage befindet und den das Jobcenter absichert, kann gar keine Wohnung bekommen, weil der Mietspiegel über dem Satz liegt!
René Pieper: Ich denke, wir in den Sozialverbänden sehen das genauso. Aber wir haben nicht die Mittel, dies zu ändern. Diese Fragen müssten Sie an die Politik und die Kommune richten. Das ist ja auch genau das, was uns bei Viadukt* Schwierigkeiten macht. Die Mieten werden immer teurer, aber das Geld, das man für eine Wohnung ausgeben kann, wird nicht mehr. Daher finden auch wir immer weniger günstige Wohnungen, die wir dann vermitteln können.
Christiane Niesel Ich habe heute den aktuellen Mietspiegel für Köln aus dem Internet heruntergeladen. Es gibt überhaupt nur einen einzigen Stadtteil mit Wohnungen in der Preisklasse, für die das Jobcenter die Kosten übernehmen würde. Das war in Finkenberg. Also die haben so eine Karte gemacht mit Farben. Es gibt nur einen einzigen Stadtteil, wo diese Leistungsbezieher Menschen, überhaupt hinziehen könnten.
Heike Stoppenbach: Es gibt schon noch zwei, drei Stadtteile mehr, aber die sind auch nicht beliebter: Meschenich, Neubrück, Chorweiler. Köln ist, das hat das Wissenschaftszentrum Berlin erforscht, die am stärkste segregierte Großstadt in Deutschland. Berlin, München oder Hamburg sind wesentlich weniger in arme und reiche Viertel gespalten.
René Pieper: Das ist das Problem. Der fehlende bezahlbare Wohnraum oder überhaupt erst mal fehlender verfügbarer Wohnraum und danach bezahlbarer Wohnraum. Wir sitzen jetzt hier und machen uns Gedanken um straffällige, wohnungslose Menschen. Aber wir sind auch zuständig für geflüchtete Menschen, für Menschen, die nach häuslicher Gewalt ihre Wohnung nicht verlassen können, weil es keine andere Wohnung gibt, für alte und kranke Menschen, die ihre großen Wohnungen behalten müssen, weil sie sich eine kleinere Wohnung schlicht nicht leisten können oder auch für Familien, die nach der Geburt eines Kindes in einem Appartement oder einer Kleinwohnung festsitzen, weil sie keine größere finden. Sie alle stehen in Konkurrenz zu ArbeitnehmerInnen oder StudentInnen, die nach Köln zuziehen.
Karolin Balzar: Aber auch, wenn wir das Problem nicht lösen können, heißt das nicht, dass wir – gemeinsam mit anderen Trägern – nicht aktiv sind. Wir arbeiten mit bei der Erstellung des Kölner Masterplans zur nachhaltigen Bekämpfung von Wohnungslosigkeit und unterstützen Forschungsprojekte wie die der GISS [Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V.].
Nehmen wir mal Housing First. Dieses Angebot, wohnungslose Menschen erst einmal mit einer Wohnung zu versorgen und dann zu schauen, was sie sonst noch annehmen wollen und können, wäre ideal, wenn es denn Wohnraum gäbe. Den gibt es aber in Köln nicht, so dass es ein mühsames Geschäft ist, über die Verbindungen in die Wohnungswirtschaft zumindest die eine oder andere Wohnung zu akquirieren. Wir finden Housing First gut und engagieren uns deshalb auch, das bedeutet aber nicht, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen Housing First das Allheilmittel wäre. Die Menschen brauchen sehr individuelle Angebote.Wir üben Druck aus, indem wir in Arbeitskreisen von Trägern, Verwaltung und Politik unsere Erfahrungen und Forderungen einbringen. In denen es darum geht, wie die Vorgabe „2030 gibt es keine Wohnungslosen mehr“ in Köln bewerkstelligt werden soll. Wir können die Hilfe anbieten. Weil wir ein großer Träger sind, können wir Druck ausüben und auch bilaterale Gespräche führen. Ich will nur, dass sie verstehen, dass wir nicht nur Zustände beklagen und mit einzelnen Betroffenen arbeiten, selbst Wohnraum schaffen, Wohnungen anmieten und so Menschen ein Obdach geben. Wir engagieren uns auch politisch. Aber die jährlich benötigten 6.000 Wohnungen können die Träger der Wohnungslosenhilfe nicht bauen, dazu müssen Politik und Verwaltung den Weg freimachen.
Jutta Arens: Wir sind auf verschiedenen politischen Ebenen aktiv; auf Diözesanebene, auf Stadtebene, auf Landesebene – teilweise ist unser Vorstand auf Bundesebene unterwegs. Es ist ja nicht so, dass das die gesellschaftlichen Themen uns kalt lassen würden oder wir immer nur an den Menschen „herumdoktern“, aber das große Ganze nicht sehen. Aber es ist eben ein sehr zähes Geschäft und man muss sehr viel Geduld haben. Klaus, du kennst das ja auch. Im Knast ist es ähnlich. Also, um da was zu bewirken, braucht man einen unglaublich langen Atem. Und so ist das im Bereich „Wohnungslosigkeit“ natürlich auch. Da kann man nicht die Idee haben, man kommt an und sagt hier, so läuft es jetzt und alle schreien „Hurra“ und das Geld ist da.
Christiane Niesel: Das ist schon klar. Andererseits bin vor ein paar Tagen mit offenen Augen durch den Kölner Stadtteil Köln Rath Heumar gegangen, ein wunderschöner Stadtteil. Und mir fiel auf, wie viel Leerstand es an der Rösrather Straße gibt.
Heike Stockenbach: Was? Ich wohne in Rath Heumar.
Christiane Niesel: Da habe ich gezählt: eins, zwei, drei, leer, sieben, acht, neun, leer.
Auf der Rösrather Straße, auf dem Rösrather Mauspfad stehen 6-7 Häuser leer, auf der Fockerstrasse ist ein riesiges Haus nicht bewohnt.Heike Stoppenbach: Ja, das stimmt, da gibt es Leerstand, darüber rege ich mich auch immer auf, aber wir können ja die Wohnungen nicht beschlagnahmen.
Christiane Niesel: Doch, das könnte man.
Heike Stoppenbach: Die Träger der Wohnungslosenhilfe können nichts beschlagnahmen.
Christiane Niesel: Wie geht es Ihnen damit, dass Sie hier Hilfe für Obdachlose anbieten und es für Sie doch nicht möglich ist, allen zu einem Dach über dem Kopf zu verhelfen? Vor zwei Jahren hat die Stadt Köln doch sogar allen Obdachlosen ein eigenes abschließbares Zimmer zugesagt. Das hat der Kölner Rat so entschieden. Na also! Und da frage ich mich, wie man sich fühlt, wenn man hier arbeitet und gleichzeitig weiß, dass es Häuser gibt, die schon seit Jahren leer stehen.
Heike Stoppenbach: Ich laufe ja oft durch Rath. Ich sehe diese Leerstände. Das sind meistens schöne Einfamilienhäuser, die unbewohnt sind wegen irgendwelcher Erbstreitigkeiten. Das ist echt tragisch, aber an diese Immobilien kommt man nicht ran.
René Pieper: Das ist wirklich bitter. Dazu sind mir diese sogenannten Russenhäuser* eingefallen. Als ich erstmalig davon gehört habe, war mein erster Impuls. „Die können wir jetzt aufwerten und dann können geflüchtete Menschen aus der Ukraine da einziehen.“ Wie wir aber sehen, war oder ist es gar nicht so einfach, an diese Häuser zu kommen. Da sind Politik und Verwaltung gefordert und ich weiß noch nicht einmal, ob die Stadt Köln mit Russland verhandeln kann oder ob das auf der Bundesebene passieren muss.
Christiane Niesel: Da das in der Stadt so schwierig ist, könnte man vielleicht in den freigewordenen Dörfern im Umland Wohnungslose unterbringen. Ich meine die, die jetzt nicht abgebaggert werden. Hätten Sie nicht Interesse, auch ein Projekt auf dem Land initiieren?
René Pieper: Es geht nicht um unser Interesse. Die Menschen, die wir vermitteln, die müssen entscheiden, ob sie aufs Land ziehen möchten.
Jutta Arens: Und das wollen sie in der Regel nicht.
René Pieper: Das wollen sie eher nicht, genau. Das wäre auch nicht die Sache der Sozialverbände. Da wäre wieder die Politik gefragt. Was darf der Mensch, wenn er oder sie vom Jobcenter Bezüge erhält? Das ist auch eine Frage, wo er den angemeldet ist. Wenn die Person eine Wohnung in Hürth hat, dann muss Hürth die Zahlungen übernehmen. Es ist also komplex. Aber die erste Frage ist halt, was will der Mensch?
Christiane Niesel: Ich könnte mir als eine Lösung für die Zukunft vorstellen, dass es solche Stadt-Land Projekte gibt. Der ländliche Bereich stirbt aus. Da gäbe es den Wohnraum, der in der Stadt fehlt.
Jutta Arens: Haben Sie „Ihrer“ Louisa schon einmal vorgeschlagen, sie solle aufs Land ziehen? Was hat sie darauf geantwortet?
Christiane Niesel: Ich glaube, die ist zu verwirrt.
Jutta Arens: Ich glaube, sie wird nicht aufs Land ziehen. Das ist für viele überhaupt keine Option. Es ist eher so, dass viele vom Land nach Köln kommen, weil sie hier ein Hilfesystem vorfinden. Das Landleben ist vielleicht eine Idee für Menschen wie Sie und mich, die vielleicht die Großstadt leid sind und ein Einkommen haben. Das ist eher schwierig Menschen, die hier in Köln wohnungslos sind, aufs Land zu verfrachten, vor allem auch deshalb, weil dort inzwischen der Wohnraum knapp wird. Es gibt ländliche Bereiche, in denen es Wohnraum gibt, das gilt aber nicht für den Großraum Köln, Bonn, Düsseldorf.
Zudem: Jeder Mensch muss selbst wissen, was er möchte. Und wenn wir eine Frau hätten, die sagt, ich bin wohnungslos und ich träume eigentlich davon, raus aus der Stadt, rein in die Natur, der würden wir mit Sicherheit helfen und dafür sorgen, dass sie dort in den Leistungsbezug kommt und die vielleicht notwendigen Hilfen bekommt. Für die Mehrheit ist das aber kein Thema.Karolin Balzar: Es ist nicht möglich, dass Frauen immer etwas in ihrem Wunschviertel in Köln finden. Man muss sich auch die Randlagen anschauen. Wir müssen die Frauen auch damit konfrontieren, dass es illusorisch ist, eine bezahlbare Wohnung in der Innenstadt zu finden. Aber wir merken durchaus eine gewisse Bereitschaft, sich Gedanken zu machen, wo man überhaupt noch Wohnraum findet.
Sie schlagen vor, Wohnraum auf dem Land zu vermitteln, der wirklich verfügbar ist. Die Idee ist interessant, lässt sich aber aus den oben angeführten Gründen nicht umsetzen. Zudem endet unsere Verantwortung als Träger der Wohnungslosenhilfe an den Kölner Stadtgrenzen, es ist ja nicht so, dass es jenseits dieser Stadtgrenzen keine Hilfen für Wohnungslose gäbe. Die KollegInnen sind da gut aufgestellt und wir arbeiten in vielen Fällen zusammen, tauschen uns über neue Entwicklungen aus und lernen voneinander.
Wiedereingliederung
Christiane Niesel: Wie viele Wohnungen werden durch Sie so vermittelt? Richtige Wohnungen meine ich, nicht Hotelzimmer oder Notschlafstellen. Eine normale Wohnung, mit Bad und einer Küche, in der man kochen kann.
Karolin Balzar: Mit Mietvertrag?
Christiane Niesel: Ja, genau. Wie ist da die Erfolgsquote?
Karolin Balzar: Das kommt sehr auf das Angebot an. Bei Viadukt, unserem Angebot zur Wohnraumvermittlung, können wir pro Jahr durchschnittlich 120 Wohnungen akquirieren, aber das ist auch der dezidierte Auftrag von Viadukt. In anderen Feldern ist das schwieriger. Die Konkurrenz um kleine und preiswerte Wohnungen ist groß, immer mehr Wohnungen fallen aus der Mietpreisbindung. Wir finden immer mal wieder Wohnungen, aber die Zeiten, in denen meine KollegInnen sagen konnten: „100 Wohnungen gefunden in einem Jahr“ sind auch schon mehr als 20 Jahre her. Über die Wohnungsnot in Köln haben wir ja schon gesprochen, die beschränkt natürlich auch die Möglichkeiten von Angeboten wie Housing First.
Christiane Niesel: Sehr fortschrittlich. Also Housing First finde ich sehr gut.
Kannte ich jetzt bis jetzt nur vom Vringstreff.Karolin Balzar: Mit dem Vringstreff und dem SKM haben wir eine Kooperation, die von der Stadt Köln mit der Umsetzung von Housing First beauftragt ist. Und genau, Housing First ist ein weiterer wichtiger Baustein in der ganzen „Hilfelandschaft“.
Wohnen ist für mich das schwierigste Thema. Eine Wohnung ist das, was sich natürlich alle wünschen, auch die von uns betreuten Frauen.Heike Stoppenbach: „Unsere“ wohnungslosen Frauen sind ja häufig auch psychisch erkrankt und dadurch auffällig. Schon das wird bei einem Termin oft zu einem Ausschlusskriterium, obwohl die es schon so weit geschafft und ihre Kraft bewiesen haben.
Christiane Niesel: Das ist mit Frauen, die aus dem Knast kommen, ähnlich. Viele haben eine Suchtproblematik. Einige von ihnen waren vorher schon obdachlos, werden entlassen und kehren dann zurück in die Obdachlosigkeit. In der gesellschaftlichen Rangordnung sind Haftentlassenen ganz weit unten angesiedelt. Ich denke dabei an die drei Gruppen, die nicht am freien Wohnungsmarkt teilhaben können: Die einen, die vom Jobcenter anhängig sind, die, die obdachlos und die, die straffällig geworden sind und im Gefängnis waren. Haben Sie auch mit dieser Gruppe Erfahrungen gesammelt?
Jutta Arens: Ich kann nur sagen, dass es ganz schwierig ist, aus der Haft heraus eine Wohnung zu finden. Wie soll das gehen? Stellen Sie sich das praktisch vor. Sie haben kein Telefon. Sie haben kein Internet?. Wie soll man so eine Wohnung finden? Das ist unmöglich wenn man im Gefängnis sitzt.
Christiane Niesel: Die haben SozialarbeiterInnen im Gefängnis.
Jutta Arens: Ja, natürlich gibt es SozialarbeiterInnen. Aber auch, wenn die oder wir die Betreuung machen, gelingt das nicht. Ich kann nicht für eine andere Frau eine Wohnung anmieten. Das ist praktisch nicht möglich. Der einzige Weg ist, dass eine Frau in den offenen Vollzug kommt. Das geht ja in Köln. Dann kann sie zum Beispiel eine Arbeit aufnehmen und ist dann in der Lage, am Wochenende oder nach der Arbeit selbst nach einer Wohnung zu suchen. Auch mit Unterstützung der KollegInnen aus unserer Straffälligenhilfe oder denen vom Sozialdienst der JVA Köln. Das ist eigentlich die einzige Möglichkeit. Aus einem geschlossenen Vollzug heraus kriegen sie keine Wohnung, das ist gänzlich unmöglich. Sie kommen mit Endstrafe raus und werden wieder wohnungslos, es sei denn, sie haben einen Menschen, der sie aufnimmt. Es gibt ja manchmal auch Menschen, die diese Haftentlassenen unterstützen wollen und ihnen auch guttun. Das können die Eltern sein oder auch ein Ehepartner. Das können auch die Kinder sein… – wer auch immer. Aber ohne diese Kontakte ist es schwierig. Daher versuchen wir im System der Wohnungslosenhilfe eine Unterkunft zu finden und eine Begleitung sicherzustellen, damit es nicht aus der Haft auf die Straße geht.
Heike Stoppenbach: Das ist besonders wichtig bei den Frauen, die in einer Beziehung Gewalt oder Missbrauch erlebt haben und für sich keine andere Möglichkeit sehen, nach der Haftentlastung dorthin zurückzugehen, weil es die einzige Alternative zur Wohnungslosigkeit ist.
Hier ist es wichtig, dass verschiedene Teams aus der Wohnungslosenhilfe, der Straffälligenhilfe aber auch Schuldnerberatungsstellen etc. zusammenarbeiten, um mit diesen Frauen einen Weg in ein selbstbestimmteres Leben zu gehen. Das klappt nicht immer, aber häufig.Christiane Niesel: Ich habe mal ein halbes Jahr lang eine obdachlose Person bei uns wohnen lassen und habe jede Woche eine Anzeige geschaltet. Jede Woche! Das war eine gut formulierte, attraktive Anzeige, aber in dem Moment, wenn Vermieter erfahren haben, dass die Person aktuell wohnungslos ist, haben sie abgesagt. Doch was machen wir mit Haftentlassenen, wenn schon jemand, der vorher einen Mietvertrag hatte oder Geld vom Jobcenter bekommt, keine Wohnung findet? Da sehe ich eine große Diskriminierung gegenüber anderen Bewerbern auf dem Wohnungsmarkt.
Jutta Arens: Ja, eben, genau das ist ja das Problem, Frau Niesel. Ich bin ja motiviert, den Frauen eine Wohnung zu geben, aber ich müsste ja erst mal welche haben. Wir haben ja hier schon mehrfach über die Wohnungsnot in Köln gesprochen. Selbst Menschen, die eine Arbeit haben, die ein geregeltes Einkommen haben, bekommen keine bezahlbare Wohnung mehr. Wie soll jemand, der diese Dinge nicht vorweisen kann, wie soll der eine Wohnung kriegen? Noch mal: es geht mir darum und das habe ich immer probiert, die Frauen möglichst in den offenen Vollzug zu kriegen, weil sie dort autonomer sind, in der Regel auch eine Arbeitsstelle draußen haben. Das ist für Vermieter wichtig, also jemand, der vorbeikommt, jemand, der eine Arbeit hat, das vermittelt Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit und solche Dinge. Dann haben die eine Chance.
Christiane Niesel: Ich fände es gar nicht schlecht, dass Menschen aus sozialen Berufen, die mit Haftentlassenen arbeiten, selbst mal erleben, wie es ist 23 Stunden auf neun Quadratmeter auszuhalten.
Jutta Arens: Ich finde, das ist Unsinn. Das würde ja bedeuten, ich kann auch nur eine gute Suchthelferin sein, wenn ich selber Drogen konsumiert habe. Oder, wenn das konsequent zu Ende gedacht würde, was Sie sagen: Ich kann nur dann Wohnungslosen helfen, wenn ich selber mal wohnungslos war.
Christiane Niesel: Da würde ich widersprechen. Mal ein Wochenende oder eine Woche im Knast eingesperrt sein, das kann man leicht realisieren ohne sich zu schaden. Mit Drogen macht man seinen Körper kaputt. Einem Hund dessen Schulterhöhe 65 cm beträgt, stehen mindestens zehn Quadratmeter zu. Von daher schadet es auch der Gesundheit, wenn ein Mensch auf neun Quadratmetern eingesperrt ist.
René Pieper: Ich würde gerne beim Thema bleiben und möchte hier weder den Strafvollzug noch unsere Profession diskutieren.
Christiane Niesel: Aber das ist doch unser Thema. Wir sprechen über die Problematik „ohne festen Wohnsitz in Haft“. Haft ist in diesem Gespräch bisher noch nicht wirklich vorgekommen. Fänden Sie die Idee so schlecht, wenn Mitarbeiterinnen aus Hilfseinrichtungen, Richter und Juristinnen es mal eine Zeit auf neun Quadratmetern aushalten müssten? Das war nicht meine Idee. In den Beneluxstaaten wurde 2022 so ein Versuch gemacht, um kurzzeitig die Gefängnisperspektive einzunehmen.
Experiment in Belgien
Dutzende Richter und Staatsanwälte lassen sich freiwillig einsperren
Kein Handy, Arbeit in der Wäscherei: 55 Mitglieder der belgischen Justiz gehen in den Knast. Der Versuch dauert gerade mal eineinhalb Tage – wem das zu viel wird, darf das Codewort sagen.
18.09.2022, 09.49 Uhr
In Belgien lassen sich 55 Juristinnen und Juristen für ein kurzes Experiment einsperren. Justizminister Vincent Van Quickenborne sagte: »Dies wird ihnen zweifellos dabei helfen zu beurteilen, ob der Freiheitsentzug die beste Lösung für einen Menschen ist, der einen Fehler begangen hat.«
https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/belgien-55-richter-und-staatsanwaelte-lassen-sich-freiwillig-einsperren-a-787d8da2-5c4e-4dca-9504-d531a76cf7beJutta Arens: Und was soll die Konsequenz sein?
Christiane Niesel: Dass wir uns vorstellen können, wenigstens ansatzweise, wie sich das anfühlt, eingesperrt zu sein.
Jutta Arens: Ich finde auch, dass wir Alternativen zur Haft brauchen. Es sitzen zu viele Menschen wegen kleiner Drogendelikte, Beschaffung oder Schwarzfahren im Knast. Da kann man fragen, ob das sinnvoll ist, außerdem könnte man das Geld, das das kostet sinnvoller verwenden. Aber so wie die Verhältnisse momentan sind, sagt die Rechtsprechung eben ganz klar, dann und dann und dann ist eine Inhaftierung notwendig und verhängt eine Freiheitsstrafe. Man kann natürlich auch darüber diskutieren, wie Haft aussieht. Ob es mehr offene Vollzüge gibt, zum Beispiel und mehr sozialtherapeutische Einrichtungen.
Da bin ich sofort dabei und das weiß Klaus Jünschke auch aus vergangenen Gesprächen, dass ich dafür bin. Es gibt auch Straftaten, da gibt es zur Haft keine Alternative – Gewalt- und Tötungsdelikte, sexuelle Gewalt – das geht nicht mit dem offenen Vollzug. Deshalb bleibt uns letztendlich, diese Menschen einzusperren.
Ein anderes Thema ist das, der Alternativen zu Haftstrafen. Aber dass man ganz auf Strafvollzüge verzichten kann, das glaube ich nicht.Klaus Jünschke: Thomas Galli, der ehemalige Gefängnisdirektor, den wir im Juni 2023 nach Köln eingeladen haben, sagt, man könne für 90 % der Inhaftierten Alternativen finden.
Jutta Arens: Klingt interessant, ist aber kaum vorstellbar. Besonders, wenn man sieht, wie schwer es ist, allein schon Ersatzfreiheitsstrafen abzuschaffen. Darum bemühe ich mich schon seit 30 Jahren. Allmählich scheint sich etwas zu tun. Bundesjustizminister Marco Buschmann will das System der Ersatzfreiheitsstrafe ja überarbeiten. Endlich, nach Jahrzehnten!
Klaus Jünschke: Marco Buschmann hat es aber leider nicht verstanden. Seine Idee, die Ersatzfreiheitsstrafen zu halbieren, führt nicht zu einer Veränderung der Zahl derjenigen, die ins Gefängnis kommen. Es gab gerade aktuell einen Bericht von Ronen Steinke. Der ist auch Jurist und hat ein Buch über das Thema Ersatzfreiheitsstrafe geschrieben. Stein-ke hat in Berlin erlebt und darüber geschrieben, dass zwei Ersatzfreiheitsstrafler sich umgebracht haben. Das würde es mit der von Buschmann vorgeschlagenen Halbierung der Strafen immer noch geben. Denn Leute, die nur wegen einer Geldstrafe eingesperrt werden erleiden in der ersten Woche häufig einen Haftschock und tun sie sich so was an. Deswegen ist also unsere Forderung – ich bin in einem bundesweiten Abolitionismus-Netzwerk aktiv – und dort fordern wir die Einführung des schwedischen Modells. In Schweden werden Menschen, die zu einer Geldstrafe verurteilt werden, nur inhaftiert, wenn sie vermögend sind und nicht zahlen wollen. Und die, die arm sind, die kriegen eine Mahnung, nach zwei Jahren und nach vier Jahren und nach fünf Jahren. Und dann wird es vergessen. Aber das ist Schweden.
Russenhäuser
So werden die drei Plattenbauten aus den 1970er-Jahren in der Friedrich-Engels-Straße in Köln genannt, die der Russischen Föderation gehören. Sie stehen teilweise schon über zwanzig Jahre leer. Neben Büros und Konferenzräumen befinden sich dort auch 80 Wohnungen, die noch 2018 in Nutzung waren. Mehrfach fanden vor Ort Protestkundgebungen gegen den Leerstand statt. Auch mit einer Besetzung versuchten Aktivisten zu erzwingen, dass die Gebäude beschlagnahmt und wieder als Wohnraum genutzt werden, zum Beispiel für Ukrainische Geflüchtete. Die Stadt sieht jedoch keine Möglichkeit, den Komplex zu enteignen. Eine Option wäre lediglich der Ankauf, wenn denn der russische Staat dem Verkauf zustimmen würde.
Viadukt
„Viadukt“, ein Team von Immobilienkaufleuten und SozialarbeiterInnen, unterstützt Menschen, die wieder ein eigenes Zuhause anstreben. Dabei begleitet Viadukt VermieterInnen und Wohnungssuchende von der Vermittlung von Wohnraum bis hin zum Einzug und bietet auch allen Beteiligten in der Zeit danach Unterstützung an. „Viadukt“ ist ein Kooperationsprojekt des SkF Köln, der Diakonie Köln und Region sowie des SKM Köln in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln, gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.
Vringstreff
Der Vringstreff in der Kölner Südstadt ist eine Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Wohnung. Man kann sich preiswert verpflegen, ausruhen und an Veranstaltungen teilnehmen. Als Fachberatungsstelle nach § 67 SGB XII. für Menschen, die besondere soziale Schwierigkeiten haben, werden Leistungen angeboten wie Sozialberatung oder Hilfe bei Behördengängen. Den Trägerkreis des Vringstreff e. V. bildet ein Zusammen-schluss der evangelischen und katholischen Gemeinde, das Obdachlosenheim Johan-neshaus, die Bürgerinitiative Südliche Altstadt (BISA) und die Ev. Studentengemeinde der FH.