Wohnungsmangel und Leerstand
Christiane Niesel: Ich hatte anfangs schon die Leute angesprochen, die keine Arbeit haben und Bezüge vom Jobcenter bekommen. Das Jobcenter zahlt 10 € pro Quadratmeter an Mietkosten, aber der Wohnungsmarkt gibt das nicht her. Der Mietspiegel in Köln liegt aktuell bei 13 bis 14 Euro. Was sagen die Sozialverbände zu diesem Dilemma, das Wohnen für viele Menschen fast unbezahlbar ist. Jemand, der sich in einer Notlage befindet und den das Jobcenter absichert, kann gar keine Wohnung bekommen, weil der Mietspiegel über dem Satz liegt!
René Pieper: Ich denke, wir in den Sozialverbänden sehen das genauso. Aber wir haben nicht die Mittel, dies zu ändern. Diese Fragen müssten Sie an die Politik und die Kommune richten. Das ist ja auch genau das, was uns bei Viadukt* Schwierigkeiten macht. Die Mieten werden immer teurer, aber das Geld, das man für eine Wohnung ausgeben kann, wird nicht mehr. Daher finden auch wir immer weniger günstige Wohnungen, die wir dann vermitteln können.
Christiane Niesel Ich habe heute den aktuellen Mietspiegel für Köln aus dem Internet heruntergeladen. Es gibt überhaupt nur einen einzigen Stadtteil mit Wohnungen in der Preisklasse, für die das Jobcenter die Kosten übernehmen würde. Das war in Finkenberg. Also die haben so eine Karte gemacht mit Farben. Es gibt nur einen einzigen Stadtteil, wo diese Leistungsbezieher Menschen, überhaupt hinziehen könnten.
Heike Stoppenbach: Es gibt schon noch zwei, drei Stadtteile mehr, aber die sind auch nicht beliebter: Meschenich, Neubrück, Chorweiler. Köln ist, das hat das Wissenschaftszentrum Berlin erforscht, die am stärkste segregierte Großstadt in Deutschland. Berlin, München oder Hamburg sind wesentlich weniger in arme und reiche Viertel gespalten.
René Pieper: Das ist das Problem. Der fehlende bezahlbare Wohnraum oder überhaupt erst mal fehlender verfügbarer Wohnraum und danach bezahlbarer Wohnraum. Wir sitzen jetzt hier und machen uns Gedanken um straffällige, wohnungslose Menschen. Aber wir sind auch zuständig für geflüchtete Menschen, für Menschen, die nach häuslicher Gewalt ihre Wohnung nicht verlassen können, weil es keine andere Wohnung gibt, für alte und kranke Menschen, die ihre großen Wohnungen behalten müssen, weil sie sich eine kleinere Wohnung schlicht nicht leisten können oder auch für Familien, die nach der Geburt eines Kindes in einem Appartement oder einer Kleinwohnung festsitzen, weil sie keine größere finden. Sie alle stehen in Konkurrenz zu ArbeitnehmerInnen oder StudentInnen, die nach Köln zuziehen.
Karolin Balzar: Aber auch, wenn wir das Problem nicht lösen können, heißt das nicht, dass wir – gemeinsam mit anderen Trägern – nicht aktiv sind. Wir arbeiten mit bei der Erstellung des Kölner Masterplans zur nachhaltigen Bekämpfung von Wohnungslosigkeit und unterstützen Forschungsprojekte wie die der GISS [Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V.].
Nehmen wir mal Housing First. Dieses Angebot, wohnungslose Menschen erst einmal mit einer Wohnung zu versorgen und dann zu schauen, was sie sonst noch annehmen wollen und können, wäre ideal, wenn es denn Wohnraum gäbe. Den gibt es aber in Köln nicht, so dass es ein mühsames Geschäft ist, über die Verbindungen in die Wohnungswirtschaft zumindest die eine oder andere Wohnung zu akquirieren. Wir finden Housing First gut und engagieren uns deshalb auch, das bedeutet aber nicht, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen Housing First das Allheilmittel wäre. Die Menschen brauchen sehr individuelle Angebote.
Wir üben Druck aus, indem wir in Arbeitskreisen von Trägern, Verwaltung und Politik unsere Erfahrungen und Forderungen einbringen. In denen es darum geht, wie die Vorgabe „2030 gibt es keine Wohnungslosen mehr“ in Köln bewerkstelligt werden soll. Wir können die Hilfe anbieten. Weil wir ein großer Träger sind, können wir Druck ausüben und auch bilaterale Gespräche führen. Ich will nur, dass sie verstehen, dass wir nicht nur Zustände beklagen und mit einzelnen Betroffenen arbeiten, selbst Wohnraum schaffen, Wohnungen anmieten und so Menschen ein Obdach geben. Wir engagieren uns auch politisch. Aber die jährlich benötigten 6.000 Wohnungen können die Träger der Wohnungslosenhilfe nicht bauen, dazu müssen Politik und Verwaltung den Weg freimachen.
Jutta Arens: Wir sind auf verschiedenen politischen Ebenen aktiv; auf Diözesanebene, auf Stadtebene, auf Landesebene – teilweise ist unser Vorstand auf Bundesebene unterwegs. Es ist ja nicht so, dass das die gesellschaftlichen Themen uns kalt lassen würden oder wir immer nur an den Menschen „herumdoktern“, aber das große Ganze nicht sehen. Aber es ist eben ein sehr zähes Geschäft und man muss sehr viel Geduld haben. Klaus, du kennst das ja auch. Im Knast ist es ähnlich. Also, um da was zu bewirken, braucht man einen unglaublich langen Atem. Und so ist das im Bereich „Wohnungslosigkeit“ natürlich auch. Da kann man nicht die Idee haben, man kommt an und sagt hier, so läuft es jetzt und alle schreien „Hurra“ und das Geld ist da.
Christiane Niesel: Das ist schon klar. Andererseits bin vor ein paar Tagen mit offenen Augen durch den Kölner Stadtteil Köln Rath Heumar gegangen, ein wunderschöner Stadtteil. Und mir fiel auf, wie viel Leerstand es an der Rösrather Straße gibt.
Heike Stockenbach: Was? Ich wohne in Rath Heumar.
Christiane Niesel: Da habe ich gezählt: eins, zwei, drei, leer, sieben, acht, neun, leer.
Auf der Rösrather Straße, auf dem Rösrather Mauspfad stehen 6-7 Häuser leer, auf der Fockerstrasse ist ein riesiges Haus nicht bewohnt.
Heike Stoppenbach: Ja, das stimmt, da gibt es Leerstand, darüber rege ich mich auch immer auf, aber wir können ja die Wohnungen nicht beschlagnahmen.
Christiane Niesel: Doch, das könnte man.
Heike Stoppenbach: Die Träger der Wohnungslosenhilfe können nichts beschlagnahmen.
Christiane Niesel: Wie geht es Ihnen damit, dass Sie hier Hilfe für Obdachlose anbieten und es für Sie doch nicht möglich ist, allen zu einem Dach über dem Kopf zu verhelfen? Vor zwei Jahren hat die Stadt Köln doch sogar allen Obdachlosen ein eigenes abschließbares Zimmer zugesagt. Das hat der Kölner Rat so entschieden. Na also! Und da frage ich mich, wie man sich fühlt, wenn man hier arbeitet und gleichzeitig weiß, dass es Häuser gibt, die schon seit Jahren leer stehen.
Heike Stoppenbach: Ich laufe ja oft durch Rath. Ich sehe diese Leerstände. Das sind meistens schöne Einfamilienhäuser, die unbewohnt sind wegen irgendwelcher Erbstreitigkeiten. Das ist echt tragisch, aber an diese Immobilien kommt man nicht ran.
René Pieper: Das ist wirklich bitter. Dazu sind mir diese sogenannten Russenhäuser* eingefallen. Als ich erstmalig davon gehört habe, war mein erster Impuls. „Die können wir jetzt aufwerten und dann können geflüchtete Menschen aus der Ukraine da einziehen.“ Wie wir aber sehen, war oder ist es gar nicht so einfach, an diese Häuser zu kommen. Da sind Politik und Verwaltung gefordert und ich weiß noch nicht einmal, ob die Stadt Köln mit Russland verhandeln kann oder ob das auf der Bundesebene passieren muss.
Christiane Niesel: Da das in der Stadt so schwierig ist, könnte man vielleicht in den freigewordenen Dörfern im Umland Wohnungslose unterbringen. Ich meine die, die jetzt nicht abgebaggert werden. Hätten Sie nicht Interesse, auch ein Projekt auf dem Land initiieren?
René Pieper: Es geht nicht um unser Interesse. Die Menschen, die wir vermitteln, die müssen entscheiden, ob sie aufs Land ziehen möchten.
Jutta Arens: Und das wollen sie in der Regel nicht.
René Pieper: Das wollen sie eher nicht, genau. Das wäre auch nicht die Sache der Sozialverbände. Da wäre wieder die Politik gefragt. Was darf der Mensch, wenn er oder sie vom Jobcenter Bezüge erhält? Das ist auch eine Frage, wo er den angemeldet ist. Wenn die Person eine Wohnung in Hürth hat, dann muss Hürth die Zahlungen übernehmen. Es ist also komplex. Aber die erste Frage ist halt, was will der Mensch?
Christiane Niesel: Ich könnte mir als eine Lösung für die Zukunft vorstellen, dass es solche Stadt-Land Projekte gibt. Der ländliche Bereich stirbt aus. Da gäbe es den Wohnraum, der in der Stadt fehlt.
Jutta Arens: Haben Sie „Ihrer“ Louisa schon einmal vorgeschlagen, sie solle aufs Land ziehen? Was hat sie darauf geantwortet?
Christiane Niesel: Ich glaube, die ist zu verwirrt.
Jutta Arens: Ich glaube, sie wird nicht aufs Land ziehen. Das ist für viele überhaupt keine Option. Es ist eher so, dass viele vom Land nach Köln kommen, weil sie hier ein Hilfesystem vorfinden. Das Landleben ist vielleicht eine Idee für Menschen wie Sie und mich, die vielleicht die Großstadt leid sind und ein Einkommen haben. Das ist eher schwierig Menschen, die hier in Köln wohnungslos sind, aufs Land zu verfrachten, vor allem auch deshalb, weil dort inzwischen der Wohnraum knapp wird. Es gibt ländliche Bereiche, in denen es Wohnraum gibt, das gilt aber nicht für den Großraum Köln, Bonn, Düsseldorf.
Zudem: Jeder Mensch muss selbst wissen, was er möchte. Und wenn wir eine Frau hätten, die sagt, ich bin wohnungslos und ich träume eigentlich davon, raus aus der Stadt, rein in die Natur, der würden wir mit Sicherheit helfen und dafür sorgen, dass sie dort in den Leistungsbezug kommt und die vielleicht notwendigen Hilfen bekommt. Für die Mehrheit ist das aber kein Thema.
Karolin Balzar: Es ist nicht möglich, dass Frauen immer etwas in ihrem Wunschviertel in Köln finden. Man muss sich auch die Randlagen anschauen. Wir müssen die Frauen auch damit konfrontieren, dass es illusorisch ist, eine bezahlbare Wohnung in der Innenstadt zu finden. Aber wir merken durchaus eine gewisse Bereitschaft, sich Gedanken zu machen, wo man überhaupt noch Wohnraum findet.
Sie schlagen vor, Wohnraum auf dem Land zu vermitteln, der wirklich verfügbar ist. Die Idee ist interessant, lässt sich aber aus den oben angeführten Gründen nicht umsetzen. Zudem endet unsere Verantwortung als Träger der Wohnungslosenhilfe an den Kölner Stadtgrenzen, es ist ja nicht so, dass es jenseits dieser Stadtgrenzen keine Hilfen für Wohnungslose gäbe. Die KollegInnen sind da gut aufgestellt und wir arbeiten in vielen Fällen zusammen, tauschen uns über neue Entwicklungen aus und lernen voneinander.